Mikrokosmos und vieles mehr...


Willkommen bei unserer neuen Rubrik "Libellen en bloc"!

Hier könnt Ihr aktuelle Geschichten wie Exkursionsberichte, die mit vielen Aufnahmen versehen sind, nachverfolgen. Weiterhin gibt es in dieser Rubrik  Spannendes und Kurioses aus der Welt der „Juwelen der Lüfte“ zu sehen. Dieses Seite wird, wie die anderen Rubriken auch, ständig neu überarbeitet.

Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen der Stories und betrachten der einzelnen Bilder im XXL – Format. (Hierzu bitte die F – 11 – Taste drücken.)

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Die Libelle des Jahres 2012: Die Blaugrüne Mosaikjungfer

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Bis vor noch nicht allzu langer Zeit genossen Libellen einen sehr schlechten Ruf bei uns Menschen. Namen wie „Teufelsnadel“ oder „Augenstecher“ waren gängige Titulierungen, wenn man über diese Insekten sprach. „Drei Stiche töten einen Menschen, sieben ein Pferd“ wurde uns im Kindesalter erzählt.

Es wird also höchste Zeit, diese Vorurteile auszuräumen und sich für die Erhaltung dieser „Könige“ unter den Insekten einzusetzen. Gleichzeitig wollen wir einen Beitrag dazu zu leisten, den Nutzen dieser Tiere darzustellen, der darin besteht, dass sie ein gewaltiges Potential an Vernichtungskraft gegenüber uns eher lästigen Tieren, wie Mücken und Fliegen, besitzen.

Darüber hinaus gilt es zu beweisen, dass diese Tiere für uns Menschen völlig harmlos sind, da sie gar keinen Stachel besitzen und somit auch nicht stechen können.

Welche Art eignet sich da besser, als die uns allseits bekannte Blaugrüne Mosaikjungfer (Aeshna cyanea)?

Die Blaugrüne Mosaikjungfer ist unsere häufigste heimische Edellibelle. Sie zeigt sehr wenig Scheu vor dem Menschen und nähert sich diesem manchmal recht neugierig bis auf wenige Zentimeter. Fälschlicherweise wird dies vom Laien oft als Angriff gewertet, was den Libellen bis heute den bereits erwähnten, auf Unkenntnis basierenden, schlechten Ruf eingebracht hat.

Fertig ausgefärbte und geschlechtsreife Männchen besetzen große Reviere, die teilweise sehr weit vom Gewässer entfernt liegen. Man kann die Männchen der Blaugrünen Mosaikjungfer in Wäldern und auf Lichtungen, nicht selten auch an Gartenteichen bei der Jagd beobachten.

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Auch bei der frisch gekürten „Libelle des Jahres 2012“ führen die Weibchen ein Leben im Verborgenen. Lediglich zur Paarung und zur Erhaltung ihrer Art, der Eiablage, suchen sie die unmittelbare Nähe zum Wasser.

Bei der Färbung der Weibchen hat Mutter Natur aus Gründen der Tarnung gänzlich auf den Blauton verzichtet. Vollständig braun - grün gezeichnet ist die Edellibelle in niederem Bewuchs so gut wie nicht zu entdecken.

König für eine kurze Zeit

Wenn im Spätsommer „Anax imperator“, die Große Königslibelle ihre jährliche Flugzeit so gut wie beendet hat und aufgrund der Jahreszeit die Herbstmosaikjungfer die Lufthoheit übernehmen will, kommt ihr ein wahrer Gigant von Libelle zuvor.

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                                                                                                   Männchen an der Exuvie kurz vorm Abflug

Die Blaugrüne Mosaikjungfer (Aeshna cyanea), eine der schönsten Edellibellen unserer Heimat, taucht am Wasser auf. In stundenlangen Dauerflügen attackiert sie alles, was ihr in die Quere kommt. Angefangen von kleinen Weiden- und Binsenjungfern, über die zahlenmäßig hoch vertretenen Heidelibellen, den schon genannten Herbst – Mosaikjungfern, bis hin zu ihren Artgenossen wird alles gnadenlos aus dem eigenen Revier gejagt. Die seltenen und sehr kurzen Ruhepausen der 10 Zentimeter großen Kunstflieger sind dabei für Edellibellen typisch.

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Wenn die Männchen nicht gerade auf der Jagd sind, gelten diese Dauerflüge der Suche nach paarungsbereiten Weibchen. Ist eines entdeckt, wird es vom Männchen sofort ergriffen und zur Paarung geführt.

Nach der Paarung, die am Wasser beginnt und in den Bäumen endet, fliegt das Weibchen zur Eiablage ans Gewässer. Dort werden, vom Männchen unbewacht, die Eier in verschiedene Substrate, wie tote Baumstümpfe oder Moose, eingestochen.

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Die Entwicklungszeit bis zum fertigen Fluginsekt dauert zwei bis drei Jahre. Man kann diese Tiere ab Mitte Juli bis weit in den Oktober hinein beobachten.

Da die Blaugrüne Mosaikjungfer in dieser Zeit so gut wie keine Konkurrenz zu  befürchten hat und unangefochten die Lufthoheit besitzt, ist sie am Gewässer der König für eine kurze Zeit.


Diese großen und farbenfrohen Tiere sind einfach eine Augenweide! Von den Weibchen, die im Allgemeinen sehr versteckt leben, zeigen wir hier die letzten Bilder der Art, die uns im Herbst 2011 gelangen.

Ein weiteres ausführliches Artenprofil mit zahlreichen Aufnahmen findet Ihr in der Rubrik „Edellibellen“.

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Exkursionsbericht: Eislibellen

Montag, 28. November 2011, 11.30 Uhr. Temperatur: 10°C, Windstille, wolkenloser Himmel.

Durch mir in den letzten Tagen zugetragene Fundmeldungen von Sympetrum striolatum, vorwiegend aus dem süddeutschen Raum, sah ich mich veranlasst, in unseren Gefilden auf die Art zu exkursieren.

Da die letzte Nacht wieder frostig war und es im Oktober auch schon Nachtfröste von um die -4°C gab, machte ich mir keine großen Hoffnungen auf Erfolg.

Am Biotop angekommen, bot sich mir dieses Bild:


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Um die Mittagszeit waren die einzelnen Gewässer zwar von der Sonne beschienen, jedoch waren die Uferregionen von einer wenige Millimeter dicken Eisschicht von etwa 2 Metern Breite in Richtung Teichmitte bedeckt.

Zu meinem Erstaunen entdeckte ich bereits unmittelbar nach dem Eintreffen mehrere Große Heidelibellen (Sympetrum striolatum). Vorsichtigen Schätzungen nach waren es zwischen 70 und 100 Individuen. Trotz der relativ kühlen Witterung herrschte eine sehr hohe Aktivität. So konnte ich Revierkämpfe der Männchen, Tandemformationen, Paarungen und Eiablagen der Art beobachten.


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Da die Sonne sehr tief stand und gerade einmal über die umliegenden Baumkronen reichte, wurden von einzelnen Tieren vorzugsweise exakt zur Sonne ausgerichtete, schräg aufragende Plätze am Boden angeflogen. Weiterhin war der allgemein gut erhaltene Zustand sowohl bei den Männchen als auch bei den Weibchen sehr auffällig. Hier zunächst ein makelloses Männchen…..

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Das Foto unten zeigt ein Weibchen im nahezu gleich guten Zustand.

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Eine weitere Auffälligkeit war die ungewöhnlich hohe Fluchtdistanz der Heidelibellen. Erfahrungsgemäß verhalten sie sich während ihrer Hauptabundanz wesentlich „kooperativer“.

Die nun folgenden Aufnahmen sind schon etwas ungewöhnlich. Sie zeigen einige Impressionen von Großen Heidelibellen (Sympetrum striolatum) bei der Eiablage über und im Eis. (!) Auf dem folgenden Bild fliegt ein Tandem der Art über eine geschlossene Eisschicht. Ob das Weibchen in diesem Moment Eier abwirft ist leider nicht zu erkennen…

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…nur Sekunden später: Das Tandem landet auf aus dem Eis herausragenden Substrat. (Die Aufnahmen wurden mit Blitzlicht erstellt. Daher ist das Eis als glitzernde weiße Flecken gut erkennbar.) Das was nun geschieht, ist nur schwer zu glauben…und schwer zu dokumentieren: Während das Männchen sich krampfhaft an dem Zweig festhält, beginnt das Weibchen mit heftigem Flügelschlag Druck aufzubauen. Dabei schlägt es mit seinen Flügeln permanent auf der Eisoberfläche auf. Das typische Flügelknistern war sehr stark zu hören. Schließlich gelangt es mit seinem Abdomen tief ins Wasser, um sehr wahrscheinlich seine Eier auszupressen. Die Vermutung, dass es so ist, liegt sehr nahe.

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Dieses, noch nie zuvor beobachtete „Manöver“ dauerte vielleicht 15 Sekunden. Danach flog das Tandem in großer Höhe davon. Offensichtlich sind Große Heidelibellen sehr improvisationsfähig. Es ist nicht anzunehmen, dass sie sich die Art der Eiablage bei Anax parthenope oder Aeshna affinis abgeschaut haben.

Diese großen abgefallenen und hellen Blätter waren am heutigen Tag die bevorzugten Ruhe- und Aufwärmplätze der Tiere. Auf fast jedem Blatt saß eine Große Heidelibelle, um sich zu sonnen. Der lange Schatten, verdeutlicht die tiefstehende Sonne. Aufnahmezeit: 14.07 Uhr. Wenig später gab es kaum noch Flugaktivitäten.

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Resümee: Wenn man sich diese Bilder der Beobachtungen von S. striolatum in den letzten Tagen des November ansieht und dazu noch einen Blick ins Fotoarchiv wirft, - wir dokumentierten den ersten Massenschlupf der Art am 1. Juli. - könnte man, vorsichtig ausgedrückt, auf eine 2. Generation der Großen Heidelibelle „tippen“. Die Frage hierzu lautet: „Wie kann man das beweisen?

Vergleiche hierzu sind in Sternberg/Buchwald: Die Libellen Baden-Württembergs, Band 2, Seite 604 ff. nachzulesen.

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Rekordverdächtig: Der extrem späte Nachweis eines jungen Vierflecks

An diesem Vierfleck ist eigentlich nichts außergewöhnliches.
Frisch und makellos, mit Sicherheit erst wenige Tage alt, flog er seelenruhig vor mir her und setzte sich schließlich in der Vegetation nieder. Bedenkt man, dass die Art eine Frühjahrslibelle ist, im Normalfall ab der zweiten Aprilhälfte zu schlüpfen beginnt und ab Mitte August keines der Tiere mehr angetroffen wird, so ist dieser Fund doch etwas ganz besonderes: Die folgenden Aufnahmen entstanden am Montag, dem 4. Oktober 2010 (!) Dieser Vierfleck muss also erst vor wenigen Tagen als Larve das Wasser verlassen haben und zum Fluginsekt metamorphisiert sein.

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Zu den "Fortpflanzungsaktivitäten der Großen Heidelibelle auf Eis" und der "extrem späten Entdeckung des Vierflecks" verfasste der renomierte Libellenexperte, Buchautor und Staatssekretär i.R. Dietmar Glitz folgende Abhandlung:

Lieber Herr Wünsch,

Ihre Frühjahrs- und Herbstbeobachtungen halte ich für wichtig und sehr interessant. Das Foto des Vierfleckes vom 4. 10. 2010 zeigt meines Erachtens eindeutig ein ganz junges Exemplar. Es sind alle Körperhaare noch weiß und flaumartig dicht, d. h. nicht abgeflogen. Vor allem die helle Gelbfärbung der seitlichen Hinterleibflecken und die hellrotbraune Grundfärbung des Hinterleibes belegen, dass dieses Tier nur wenige Tage alt ist. Es ist also erst im Herbst geschlüpft. Vereinzelte Beispiele für den Herbstschlupf von Frühjahrsarten habe ich bislang für die Gemeine Keiljungfer und Moosjungfern gehört. Ich halte diese Beispiele als Belege für Desorientierungen.

Das späte, sehr vitale Auftreten der Großen Heidelibelle in größerer Anzahl am 28. 11. 11 bei 10° C Lufttemperatur ist genauso interessant.

Das auffällige Ausdehnen der Flugzeiten im Herbst sowie ein früheres Auftreten von Libellen im Frühjahr trotz Unterschreiten der Lufttemperatur von 14° C kann meines Erachtens auf die verstärkte Gamma-Strahlung zurück geführt werden. Nach Messungen der NASA erhöht sich die Menge der Gamma-Strahlung von unserer Sonne etwa seit 1940. Außerdem kommen kurzzeitig enorme Mengen von Gamma-Strahlung (Gamma Ray Bursts) von der Zentralsonne unserer Galaxis auf die Erde. Andererseits schwächt sich das schützende Magnetfeld der Erde ebenso wie die Ozonschicht ab. Dieser Effekt ist von uns gut spürbar. Wenn man sich im November oder Dezember in die Sonne stellt, spürt man die neue Kraft der Sonne deutlich: sie wärmt!

Diese neue Wärme, hervorgerufen durch stärkere Gamma-Strahlung, nutzen auch die Libellen. Die Große Heidelibelle flog an meinem Gartenteich in 380 m NN bei nur 9° C am 14. 11. 2011. Die normalen Wetterdienste messen diese Gamma-Strahlung aber nicht. Die Libellen nutzen sie jedoch und wandeln diese hoch energetische Strahlung in Wärme um. Gegen Strahlungsschäden sind sie durch ihren unempfindlichen Chitinpanzer gut geschützt. Dieser Strahlungsfaktor dürfte auch das Einwandern von so vielen Mittelmeer-Arten bei uns mit begünstigen.

Mit freundlichen Grüßen
Dietmar Glitz

An dieser Stelle möchten wir Herrn Glitz unseren  Dank für seine ausführliche Stellungnahme aussprechen. Diese Beispiele zeigen deutlich, dass zu diesen Themen noch erheblicher Forschungsbedarf besteht.

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Kurioses genial dokumentiert und erklärt: Die „Dame ohne Unterleib“

Folgende Situation wurde von uns am Morgen des 01. Juli 2011 an einem großen stehenden Gewässer, den sogenannten „Stallberger Teichen“ nahe der Kreisstadt Siegburg, Rhein – Sieg – Kreis, NRW, dokumentiert: An diesem Morgen beobachteten wir einen Massenschlupf der Großen Heidelibelle (Sympetrum striolatum). Der Weiher, der rundherum von Wald umgeben ist, hat eine Uferlänge von etwa 2,5 Kilometern. In der niederen Ufervegetation sah es zwischen Schilf und Binsen an fast jeder beliebigen Stelle so aus, wie auf dem Foto unten. (Wir bitten die schlechte Tiefenschärfe zu entschuldigen). Bis zum späten Vormittag schlüpften dort wohl mehrere Tausend Tiere der Art simultan.

 

 
Ein paar Meter weiter wechselte die Vegetation von Schilf  in ein kleines Brennnesselfeld. Dort konnten wir diese frisch geschlüpfte, jedoch sehr bedauernswerte Kreatur beobachten, welche relativ sicheren Schrittes über die Brennnesselblätter wanderte. Wir nennen sie mal „Die Dame ohne Unterleib“. (Es könnte auch ein "Herr" sein, was sich jedoch aufgrund der fehlenden Körperteile im Nachhinein nicht mehr sicher feststellen lässt.)

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Des gesamten Abdomens, sauber vom Thorax getrennt verlustig, stieg die „halbe“ Heidelibelle von ein Blatt auf das andere und machte nach einiger Zeit kehrt. Erst jetzt bemerkten wir auch noch die erheblichen Deformationen der Komplexaugen des Tieres.

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Über diese Beobachtungen vergingen mehr als fünfzehn Minuten (!). Was war passiert? Etwa zwei Meter entfernt, dort, wo wir die „Dame ohne Unterleib“ zuerst entdeckten, fanden wir des Rätsels Lösung: Beim genauen Hinsehen erkennt man, wie der Prädator (wir haben ihn als Deutsche Wespe (Vespula germanica) identifiziert) das Abdomen der jungen Heidelibelle genüsslich verspeist. Sie muss mit ihrer „Beute“ im Nachhinein auf das Blatt der Brennnessel geklettert sein, denn zuvor war nichts von ihr zu sehen. Vermutlich wurde die junge Heidelibelle bereits attackiert, als diese - etwas tiefer am Stängel der Pflanze – noch an der Exuvie hing.

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Aus der gezeigten Dokumentation ergeben sich Fragen über Fragen:


Einer der wohl angesehensten Libellenforscher der Welt, der Schweizer Prof. Dr. Hansruedi Wildermuth war so freundlich, uns die folgenden Fragen zu beantworten, wofür wir uns an dieser Stelle auf das herzlichste bedanken!

1. Selbst wenn ein lebenswichtiges Organ wie z.B. das Herz einer Libelle in deren Abdomen angeordnet ist, müsste nicht eine derartige „Amputation“ desselben zum unmittelbaren Tod der Kreatur führen?

Antwort von Prof. Dr. Hansruedi Wildermuth:
Überhaupt nicht. Das Herz der Libellen ist ein langer Schlauch, der sich über dem Verdauungskanal vom Brustteil bis fast zum Hinterleibsende erstreckt, vorn und hinten offen ist und an jedem Segment zwei Ansaugöffnungen mit Ventil besitzt. Das Herz sorgt primär für den Transport der Hämolymphe mit den Nährstoffen, Abfallstoffen, Hormonen, Immunzellen etc., Blutgefäße sind keine vorhanden, der Kreislauf ist “offen”. Den Sauerstoff- und Kohlendioxidtransport übernimmt das Tracheensystem.

2. Warum ist kein Austritt von Hämolymphe zu erkennen? Mögliche Ursachen: Zweifellos stand dieses Tier unter einer Art Schockzustand. Entwickeln Libellen Hormone wie z.B. eine Art „Adrenalin“, welches bewirkt, dass sich die (Kapillar) Gefäße bei extremem Stress abrupt schließen?


Antwort von Prof. Dr. Hansruedi Wildermuth:
Zwischen Thorax und Abdomen ist der Libellenkörper stark eingeschnürt (“Wespentaille”). Durch diesen Engpass führt auch der Herzschlauch. Dieser ist elastisch und im Ruhezustand stark zusammengezogen. Um ihn zu erweitern (und damit Hämolymphe anzusaugen), braucht es die Herzmuskeln, die außen paarweise in jedem Segment am Herzschlauch ansetzen. Zudem können Libellen zur Regulierung der Körpertemperatur (um Wärme zu sparen) den Herzschlauch zwischen Thorax und Abdomen so verschließen, dass über längere Zeit keine Hämolymphe durchfließt. Dadurch bleibt die Wärme im Thorax, wo sich auch die Flugmuskulatur befindet. Dies kann erklären, weshalb eine abdomenamputierte Libelle nicht gleich “ausläuft”.

3. Ist der Aufbau einer Libelle bislang nicht korrekt oder nur unzureichend erforscht? (Ohne eine Art von Herz ist keine dermaßen hoch entwickelte Lebensform „funktionstüchtig“).

Antwort von Prof. Dr. Hansruedi Wildermuth:
Die Anatomie der Libellen ist seit Langem ziemlich gut bekannt.


4. Primäre oder periphere Nervensysteme können ohne eine kardiologische Funktion oder das Nichtvorhandensein einer „Steuerung“ kaum über längere Zeit lebensfähig erhalten werden. Wäre die Wanderung der Libelle über die Pflanzen, nur durch vegetative Nervensysteme aufrecht erhalten, nicht geradezu paradox?


Antwort von Prof Dr. Hansruedi Wildermuth:
Die Beinbewegungen werden primär von den Thorakalganglien (Nervenknoten im Brustteil) gesteuert. Dazu braucht es Nervenzentren (Ganglien) mit motorische Nerven, die (um es mit Ausdrücken der Wirbeltieranatomie zusagen) zum somatischen (also nicht zum vegetativen) Nervensystem gehören. Ein Insekt kann sich selbst ohne Kopf noch eine Zeitlang bewegen, wobei allerdings nur Automatismen möglich sind; eine Feinsteuerung, wozu es auch das “Gehirn” und die Sinnesorgane am Kopf braucht, ist nicht mehr möglich. Solange die Nerven und Muskeln mit Sauerstoff versorgt werden, können diese Organe funktionieren. Die Sauerstoffversorgung funktioniert nicht über die Hämolymphe (Blut) wie bei uns, sondern über ein fein verzweigtes Tracheensystem (Röhrchen), die über Stigmen (verschließbare Körperöffnungen, pro Segment 1 Paar) mit der Außenwelt verbunden sind. Auch am Thorax hat es Stigmen. Allgemein kann ein Insektenkörper auch ohne Kopf oder ohne Hinterleib noch eine Zeitlang funktionieren. Ich habe schon gelesen, dass eine Wespe noch einige Zeit an Konfitüre saugt, wenn der Hinterleib so sorgfältig abgetrennt wird, dass sie es kaum merkt und nicht flieht.

Wir hoffen, dass mit diesem Bericht etwas zum besseren Verständnis für Libellen beigetragen wurde, da er unter odonatologischen Aspekten hochinteressant ist.

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Becherjungfer (Enallagma cyathigerum) vs. Streckerspinne (Tetragnatha extensa)

Das Libellen häufig Opfer von Spinnen werden, ist hinlänglich bekannt. Obwohl sie aufgrund ihres hervorragenden Sehvermögens den seidenen Fangapparaten im Flug ausweichen können, passieren zum Beispiel im Paarungsstress nicht selten derart tödliche Missgeschicke, bei der sich Libellen - unabhängig von Art und Größe – in den Netzen diverser Achtbeiner wieder finden.


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Der Regelfall: Die Libelle (hier eine Gemeine Becherjungfer) landet im Netz der Spinne und wird überwältigt. Die Tatsache, dass es auch umgekehrt der Fall sein kann, ist der Allgemeinheit weitestgehend unbekannt. Dieser Umstand ist nicht zuletzt auf die extreme Seltenheit von Beobachtungen dieser Art zurückzuführen. Es ist bekannt, dass Sumpf – Heidelibellen (Sympetrum depressiusculum) hin und wieder kleinere Exemplare der Schilfradspinne aus ihren Netzen „fischen". Hobby – Odonatologen aus Brandenburg verfassten im Dezember 2008 einen wissenschaftlichen Bericht über Beobachtungen vom Beutefangverhalten von Kleinlibellen gegenüber Spinnentieren. (Nachschlagemöglichkeit: Wiss. Zeitschrift der GdO, (Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen) Libellula Nr. 27 (3/4) 2008: Seiten 253-257 So flog uns im Sommer 2011 eine Gemeine Becherjungfer mit einem Beutetier zwischen den Mandibeln (Mundwerkzeugen) direkt vor die Nase. Als sie begann ihr Opfer zu verzehren, staunten wir nicht schlecht, da es sich bei der Beute um eine Gemeine Streckerspinne (Tetragnatha extensa) von nicht unbeträchtlicher Größe handelte.


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Die sehr seltene Ausnahme: Die Kleinlibelle erbeutet eine Gemeine Streckerspinne (Thetragnata extensa). Die Kleinlibelle ließ sich von uns nicht im Geringsten stören, sodass uns einige Aufnahmen dieses seltenen Ereignisses gelangen. Wie die Schlanklibelle zu ihrer außergewöhnlichen Beute kam, ob aus dem Netz gezupft oder im Flug von oben auf einer Pflanze überwältigt, lässt sich leider nicht belegen. Trotz ihrer Giftigkeit wurde die Spinne von der Libelle binnen Minuten komplett verzehrt.

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